Worte der Weisheit

- PHILOSOPHIE TO GO -

DIE TÄGLICHEN
“WORTE DER WEISHEIT”

Jeden Morgen verschickt Albert die “Worte der Weisheit” zu einem wöchentlich wechselndem Thema. Dabei intepretiert er jeweils ein philosophisches Zitat.
16.08.2022
Seneca #2

Die Tugend, was ist sie? Ein wahres und unverrückbares Urteil. Denn dieses ist bestimmend für die Begierden der Seele.

Seneca, von dem der Ausspruch stammt, fährt fort:

„Von ihm erhält jegliche Erscheinung, die eine Begierde rege gemacht, die erforderliche Klarheit.“

Die praktische Philosophie fragt nach den Werten, die für unsere Lebensführung bestimmend sein sollen, und nach den Unwerten, die wir meiden sollen, weil sie uns und unseren Mitmenschen Schaden zufügen. Haben wir diese Werte erkannt, sollten wir sie uns so zu eigen machen und verinnerlichen, dass wir ihnen in allem, was wir tun, sagen, wollen und wünschen, ohne nachzudenken folgen. Durch kontinuierliches Einüben erzeugen wir entsprechende Handlungsmuster und bauen solche ab, die den erkannten Werten entgegenstehen. Dadurch verändern wir unsere Wahrnehmung mit der Folge, dass die wahrgenommenen Dinge in uns keine ungewollten Begierden mehr wachrufen, sondern nur solche, die uns nähren, fördern, glücklich machen und innerlich bereichern.

15.08.2022
Seneca #1

Ich entschied mich ... zum Studium der Philosophie, das die Seele heilt.

In der griechisch-römischen Antike war die Philosophie vornehmlich Seelenheilkunde. Die Frage, wie wir leben sollen, wie man „gut“ und den Göttern wohlgefällig lebt, stand im Zentrum der Überlegungen. Obgleich immer auch Fragen nach dem Sein, dem Ursprung des Kosmos, der Möglichkeit der Erkenntnis, dem Wesen der Natur, der Logik und der Sprache behandelt wurden, richtete Sokrates den Fokus auf die Untersuchung, wer wir sind und wie wir leben sollten. Im Mittelpunkt seines Denkens stand ein Ausspruch, der in der Vorhalle des Apollonheiligtums in Delphi eingeschrieben war: „Erkenne Dich selbst!“. Bevor wir dieses Gebot nicht erfüllt haben, waren die anderen Fragen der Philosophie für ihn zweitrangig. Er war überzeugt davon, dass wir durch Selbsterkenntnis die Defekte unserer Seele heilen, Glückseligkeit erlangen und friedlich und in Freundschaft miteinander leben werden. Zum Frieden in der Welt gelangen wir erst, wenn die Menschen Frieden in ihrer eigenen Seele gefunden haben. Wie das Zitat belegt teilte Seneca Sokrates‘ Vorstellung von der Kernaufgabe der Philosophie.

14.08.2022
Weisheit #7

Weise ist, wer wechselnde Verhältnisse zu ordnen vermag, das Gute erkundet und sich darüber freuen kann, wer noch im tiefsten Misserfolg Erfolg zu erringen versteht.

Im „Buch der Riten, Sitten und Gebräuche“, einem bedeutenden Weisheitsbuch der Chinesen findet sich folgende Beschreibung eines weisen Menschen:

„Wessen Worte sehr gewissenhaft sind und wessen Taten sehr ebenmäßig (angemessen, passend), wessen Wille keine Selbstsucht kennt und wem es bei seinem Wirken nicht auf das Viele ankommt, wer still ist und wenig seinesgleichen hat, wer stark ist und die Menschen beruhigt, von dem heißt es: Er hat ein gütiges Herz.

 Wer, auch wenn die Verhältnisse wechseln, sie zu ordnen vermag, wer das Gute erkundet und sich darüber freuen kann, wer, wenn er im tiefsten Misserfolg ist, Erfolg zu erringen versteht, wer mit seiner Person einen festen Standpunkt einnimmt und ihn durchführen kann, von dem heißt es: Er hat einen weiträumigen Willen. ...

Wer auch ein unbedeutendes, rasch gegebenes Wort hält, wer auch im Dunkeln so handelt, dass er nur nach seinem Einsamsten (Eigensten) handelt ohne die Absicht, es anderen hervorzutun (ohne sich damit zu brüsten), wer den Hingegangenen gegenüber ebenso handelt wie den Lebenden gegenüber, von dem heißt es: Er ist fügsam (einfühlsam, anpassungsfähig) und zuverlässig. ...

Wer, verdunkelt und beschränkt (in düsteren und gefährlichen Zeiten), sich nicht fürchtet und, wenn er in Sicherheit und Glück weilt, nicht üppig wird (Maß hält), wer in Arbeit und Mühsal sich nicht ändert (authentisch bleibt), wer in Freude und Zorn den klaren Maßstab behält, von dem heißt es: Er wahrt sich.“

13.08.2022
Weisheit #6

Versuche nicht, den Wind zu ändern, sondern setze Dein Segel richtig. In dieser Kunst besteht die Lebensweisheit.

In dem ausgezeichneten Buch von Heinrich Gomperz über die „Lebensauffassung der griechischen Philosophen und das Ideal der inneren Freiheit“ lesen wir:

„Er (Hegesias, griechischer Philosoph) findet nämlich, sowohl Lust wie Schmerz entspringen unserem ‚Haften‘ an äußeren Gütern. Würde dieses unterdrückt, so würde mit aller Lust auch aller Schmerz verschwinden, und es würde sich dann der günstigste aller uns überhaupt erreichbaren Zustände ergeben: nämlich ein solcher völliger Indifferenz. Dies aber ist in der Tat möglich. Denn nichts ist von Natur angenehm oder unangenehm, sondern erst durch unsere subjektive Stellung zu den Dingen schafft diese Werte. In ganz ähnlichem Sinne nun sagte Bion (von Borysthenes): Der Schiffer ändert nicht den Wind, sondern die Stellung der Segel. Packt man die Schlange in der Mitte, so beißt sie, nicht aber, wenn man sie am Kopf fast. So richtet sich auch bei den Dingen das ‚Beißen‘ nachdem ‚Greifen‘. In dieser Kunst besteht die Lebensweisheit.“

Indifferenz“ bedeutet nicht Gleichgültigkeit gegenüber den Zuständen und Geschehnissen in der Welt. Insoweit sind Emotionen und Engagement zulässig, gewünscht und erforderlich. Sie sollen aber keinen Einfluss auf das persönliche Wohlbefinden und die innere Unabhängigkeit haben. Nur in dieser Hinsicht wird ihnen jegliche Wertigkeit und Bedeutung abgesprochen. Das Glück soll ausschließlich von innen heraus kommen und nicht von äußeren Digen abhängig sein. Dafür ist es notwendig, dass der Mensch alles Anhaften an äußeren Dingen aufgibt.

12.08.2022
Weisheit #5

Wir müssen unser individuelles Bewusstsein erziehen und bilden, um mit der Zeit im Wissen zu wachsen und vom „Was habe ich davon?“ zum „Was kann ich beitragen?“ zu kommen.

Das Zitat stammt von Sri Sri Ravi Shankar, einem spirituellen Lehrer, Friedensbotschafter und Begründer einer internationalen Organisation für menschliche Werte. In Übereinstimmung mit der indischen Tradition sieht er in der Unwissenheit eine Hauptursache aller Übel auf der Welt. Nur das Streben nach Wissen und Weisheit wird die Welt besser machen. Denn Weisheit bedeutet Mitmenschlichkeit und Einsatz für ein gelingendes Miteinander auf jeder Ebene. Auch für das Leben der einzelnen Menschen ist Weisheit von unschätzbarem Wert. Es verhilft ihm, auch in schlechten Zeiten sein Lebensglück zu bewahren. „Der Charakter des Menschen ist sei Schicksal“, sagte der Vorsokratiker Heraklit. Dasselbe wollte Konfuzius zum Ausdruck bringen, als er sagte: „Der Weise versteht, Unglück in Glück zu verwandeln.“ 2600 Jahre später lesen wir bei Sri Sri Ravi Shankar:

„Ein weiser Mensch ist selbst in schlechten Zeiten glücklich. Ein dummer Mensch ist selbst in guten Zeiten unglücklich. Du machst die Zeit gut oder schlecht.“ 

Nur innerer Frieden schafft äußeren Frieden. Streit und Krieg lassen sich auf inneren Unfrieden zurückführen.

11.08.2022
Weisheit #4

Wähle Weise zu Deinen Dienern.

Im chinesischen „Buch der Riten, Sitten und Gebräuche“ findet sich eine Empfehlung an Staatslenker, nach welchen Regeln sie ihre Bediensteten auswählen sollten. Hier werden vielfach Eigenschaften angeführt, die von den alten Chinesen als charakteristisch für einen weisen Menschen angesehen wurden. In China war es üblich, dass die Landesfürsten Weise als ihre Berater unterhielten.

„Die erste Regel heißt: Nimm die Friedlichen und Gütigen, die bereit sind nachzudenken. Die zweite heißt: Nimm die Liebevollen und Freundlichen, die Haltungen haben. Die dritte heißt: Nimm die Redlichen und Barmherzigen, die gewissenhaft und recht sind. Die vierte heißt: Nimm die Vorsichtigen und Aufrechten, die darüber nachdenken, was andere ihnen raten. Die fünfte heißt: Nimm die, die ihre Geschäfte redlich und reinen Herzens erledigen. Die sechste heißt: Nimm die vorsichtig Überlegenden, die unbestechlich und keine unredlichen Gedanken hegen. Die siebente heißt: Nimm die, die gern nachdenken und das, was sie tun, verstehen. Die achte heißt: Nimm die, die beim Umgang mit anderen Menschen weitherzig und maßvoll sind. Die neunte heißt: Nimm die machtvoll Starken, die wohlabgewogene Entscheidungen treffen können. Dies sind die neun Arten von brauchbaren Menschen.“

10.08.2022
Weisheit #3

Das Glück des Alters ist die Weisheit.

Häufig wird das Alter als eine Last und Beschwerlichkeit empfunden. Anders in dem zitierten Ausspruch eines antiken griechischen Philosophen. Der vietnamesische Zen-Meister Thich Nhat Hanh, der vor einigen Monaten im Alter von 95 Jahren starb, gibt im Folgenden eine überzeugende Begründung. Eine Erläuterung erübrigt sich:

„Doch ich selbst bin alt, und ich bin sehr glücklich. Ich finde das Alter herrlich. Wenn wir alt sind, haben wir nicht mehr die ganze Aufregung und den Stress, den junge Leute vielfach durchleben. Wir sind reifer geworden und haben aus den Jahren gelernt, in denen wir uns ungeschickt verhalten haben. Das Alter ist wundervoll. Als junger Mensch sind Sie wie ein junger Fluss, der auf seinem Weg vielen Felsen, Hindernissen und Schwierigkeiten begegnet. Sie haben es eilig, diese Hindernisse zu überwinden und den Ozean zu erreichen. Doch auf seinem Weg durch die Felder und Auen wird der Fluss breiter und ruhiger und kann es genießen, wenn sich die Wolken und der blaue Himmel in ihm spiegeln. Es ist wundervoll. Sie werden sowieso am Meer ankommen, genießen Sie also die Reise. Erfreuen Sie sich am Sonnenschein, dem Sonnenuntergang, dem Mond, den Vögeln, Bäumen und den vielen schönen Dingen entlang des Weges. Genießen Sie jeden Moment ihres Lebens. Das Alter kann etwas sehr Erfreuliches sein.“

09.08.2022
Weisheit #2

So war der Charakter dieses Weisen: mild, menschenfreundlich, wohlgemut.

Die Rede ist von Demonax, einem griechischen Philosophen, der im 2. Jahrhundert in Athen lebte und wegen seiner Weisheit hohes Ansehen besaß. Von vielen Weisen der Antike in West und Ost wird überliefert, dass sie einen sanften, menschenfreundlichen und ausgeglichenen Charakter hatten. Verinnerlichte Weisheit vertieft das Verständnis für die Menschen und sich selbst und fördert die Entwicklung dieser Eigenschaften. Das folgende Zitat vermittelt einen Eindruck von der Weisheit des Demonax:

„Auf die Frage, welches ihm das höchste Glück dünke, antwortete er: Niemand ist glücklich, außer wer frei ist.“ Als der Fragende einwandte, es gebe der freien Menschen viele, erwiderte er, nur der wäre frei, der nichts hoffe und nichts fürchte. Aber, fuhr der andere fort, „wer kann das? Wir alle sind ja immerfort der Furcht und Hoffnung unterworfen.“ „Und dennoch“, gab ihm Demonax zur Antwort, „wirst du bei näherer Betrachtung der menschlichen Dinge dich davon überzeugen, dass sie weder der Furcht noch der Hoffnung wert sind, da sowohl die erfreulichen als die widerwärtigen Dinge von gleich kurzer Dauer sind.“

Hier kommt die stoische Auffassung zum Ausdruck, dass äußere Dinge und Verhältnisse für das Glück des Menschen ohne Bedeutung sind. Man solle deshalb jede innere Abhängigkeit von ihnen vermeiden. Alles Anhaften an Äußerem bringt Leid und steht einem glücklichen Leben entgegen.

08.08.2022
Zorn - erste Zeile

Liebe Freunde/innen der Weisheit,

die ursprünglich fehlende erste Zeile aus den "Worten der Weisheit" vom 06.08.2022 aus der Bergprdigt Jesu lautet richtigerweise:

"Ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder auch nur zürnt, soll dem Gericht verfallen sein."

Ich bitte, das Versehen zu entschuldigen.

Liebe Grüße

Euer

Albert Kitzler

08.08.2022
Weisheit #1

Wird denn nimmer verhallen des Mordens gellender Misston? Seht ihr nicht, wie achtlos ihr selbst einander zerfleischet?

Das Zitat stammt von dem Vorsokratiker Empedokles. Er erzählt uns zuvor, dass es einmal einen weisen Menschen gegeben habe, der in der Geschichte der Menschheit viele Generationen zurückschauen konnte. Seine deprimierende Erkenntnis aus der Betrachtung der Geschichte gibt das einleitende Zitat wieder. Leider auch 2500 Jahre nach dieser Feststellung hat sich daran nichts geändert. Empedokles weist darauf hin, dass dies kein auswegloses Schicksal ist, sondern dass wir selbst es machen und daher auch ändern können. Das Zitat lautet im Zusammenhang:

„Dort lebte einst ein Mann von überschwänglichem Wissen,
Schätze des Geistes besaß er so reich wie der Sterblichen keiner,
Er, der gewaltigste Meister in allerlei Werken der Weisheit.
Spannte die Kraft, die gesamte , er an des mächtigen Geistes,
Alsdann schaute er leicht auf zehn und zwanzig Geschlechter
Rückwärts alles, was war und geschah, im unendlichen Weltall.
Wird er denn nimmer verhallen, des Mordens gellender Mißton ?
Seht ihr nicht, wie achtlos ihr selbst einander zerfleischet?“

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